Spinner_innen

Januar 26, 2012 15:51

Werden die eigentlich schon vom Verfassungsschutz beobachtet? ;-)

Januar 17, 2012 1:27

Mein Praktikum liegt nun schon einige Wochen zurück. Aber gedanklich klebe ich teilweise immer noch an diesen drei Monaten.

Spuren

Das ist ein zentraler Gedanke, der mich logischerweise erst retrospektiv beschäftigt. Man kann schließlich schlecht nach Spuren suchen, wenn man noch keinen Weg zurückgelegt hat. Jetzt liegen drei Monate hinter mir. Was bleibt von mir zurück?

Die Stichworte, die mich begleiten, sind Treue, Aufopferung und Identifizierung. Es ist völlig egal, welche Arbeit ich verrichte, und sei es die dümmste Praktikantentätigkeit (die ich glücklicherweise niemals tun musste!). Gott will, dass ich treu bin, dass ich mein Bestes gebe und dass ich mich mit den Zielen meiner Arbeitsstätte identifiziere. Es geht hier nicht um Kadavergehorsam und Stromlinienförmigkeit! Es geht darum, dass man unweigerlich außerhalb des Taktes läuft, sei es aus charakterlichen oder geistlichen Gründen. Sobald man das Anderssein bemerkt, kommt automatisch das Zurückblicken und Suchen nach den Fußabdrücken, die dem monotonen Trappeln nicht folgen wollten.

Dieses Spurensuchen ist nicht vermessen. Hätte ich nur meine charakterliche Absonderlichkeit, ich würde nicht nach Spuren Ausschau halten. Ich würde stets nur meine nächsten Schritte planen, die folgenden sicheren Tritte suchen, den Erfolg fest im Blick. Zurückblicken würde mir nicht in den Sinn kommen. Zum einen, weil es viel Zeit kostet, Zeit, die man nicht hat. Zum anderen, weil das Zurückblicken nur wenig Erbauendes offenbaren würde. Ich würde einen hoffnungslos unkommunikativen und unbeholfenen 24-Jährigen Studenten sehen. Das Zurückblicken würde mir den Status Quo zeigen, ein grauenhaftes Bild meiner Person.

Hätte ich nur meine charakterliche Absonderlichkeit. Ich habe aber auch noch diese andere Absonderlichkeit, das Christsein.
Das Christsein fordert mich auf zurückzublicken. Es stellt die Realität und die Regeln dieser Welt auf den Kopf. Christsein macht aus Hoffnungslosigkeit Hoffnung, mehr noch, Gewissheit. Deswegen darf ich nach hinten schauen und erwarten, dass Gott aus dem, was ich tue, Gutes gedeihen lässt, ganz egal, wie ich mich selbst sehe und wie ich mich fühle. Ich darf zurückblicken und kann nicht anders, als dankbar zu sein.

Es fällt mir schwer, mit anderen Menschen über Gott zu sprechen. Aber das liegt nicht am Thema, sondern am Sprechen. Eine Möglichkeit hatte ich dann aber doch, meinen Mitpraktikanten mitzuteilen, dass ich an Gott glaube und ich hatte die Möglichkeit, klarzustellen, dass Glaube etwas anderes ist als Kulturchristentum. Das war´s an Worten. Dann habe ich beide – vielleicht nicht energisch genug – zu zwei Veranstaltungen eingeladen. Mehr war nicht praktikabel und meiner Meinung nach auch nicht angebracht.
Ich habe nicht evangelisiert, ich habe keine Predigt gehalten und auch sonst nichts Spektakuläres gemacht. Aber ein Wort hat mich immerzu beschäftigt: Dienen.

Matthäus 7,12
12 Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.
13 Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen.
14 Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!

Nach meinem Verständnis hat das Wort Dienst einen niederdrückenden und schwermütigen Charakter. Das Wort „Nächstenliebe“ ist im Vergleich dazu viel fröhlicher und freimütiger. Das verwundert nicht weiter, denn jedem Menschen ist der Charakter der Liebe klar (1. Korinther 13). Der Liebende gibt frei und gern. Der Dienende gibt unter Schmerz und Entbehrung. So zumindest meine Assoziation.

Obwohl beide Begriffe normativ sehr einseitig sind, meinen sie beide die gleiche Tat, nur aus zwei Perspektiven. Daher müsste man sie eigentlich zusammen verwenden.

Wie schwer Dienen/Nächstenliebe ist, zeigt sich dadurch, dass in Matthäus 7 auf dieses zusammenfassende Gebot des Gesetzes sogleich das Bild von den zwei Wegen folgt:  „Geht ein durch die enge Pforte!“

Der Weg des Dienens, der Weg der Nächstenliebe ist der schmale und furchtbar schwere Weg. Und das durfte ich im Praktikum erleben.
Es ging nicht darum, meine Bedürfnisse zu verleugnen. Zugegeben, in einigen Momenten dachte ich, dass Gott das von mir verlangte. Aber das ist falsch. Das geht auf Dauer nicht gut und das ist nicht Gottes Plan. Gott will nicht, dass wir Superman spielen.

Aber er will zum Beispiel, dass wir treu sind. Dass wir eine Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen erledigen, wenn man sie uns aufgetragen hat. Und allein das ist schon so schwer, weil es schier unendlich viele Ausflüchte und Ausreden gibt, um untreu zu werden. Wir sollen unsere Bedürfnisse aber sehr wohl prüfen, denn oft verbirgt sich dahinter reine Selbstsucht. Diese „Bedürfnisse“ gilt es hintenanzustellen, sich selber weniger wichtig zu nehmen und auf das eigene Recht zu, wenn es geboten scheint, zu verzichten.

Dienen bedeutet auch, anderen zu helfen und sich Zeit für sie zu nehmen. Manch einer mag an diesem Punkt stocken und einwenden: Das ist nichts anderes als in Ratgeberbüchern steht. Anderen auf der Arbeit „geschickt“ helfen ist nichts anderes als sich möglichst viele Kompetenzen (bei möglichst wenig Arbeit) unter den Nagel zu reißen. Wer sich Kompetenzen anhäuft, macht sich unentbehrlich und klettert die Karriereleiter hoch. Damit dient man letztendlich nur einem Selbstzweck.

Aber ist das so? Biblisches Dienen hat eine andere Intention. Hier tritt wieder ein Charakterzug zutage, der eher vom Begriff der Liebe abgedeckt wird. Der Dienst, weil er Liebe ist, sucht nicht das Seine, er erwartet keinen Lohn (1. Korinther 13,5). Deswegen ist er den Menschen so oft auch so unverständlich.

Beten verändert

Echtes Dienen ist selbstlos und liebend. Aber wie entwickelt man Liebe zu einem Menschen? In diesem Zusammenhang ist mir der altbekannte Spruch „Beten verändert nicht Gott, sondern den Beter“ zum ersten Mal ganz praktisch deutlich geworden. Ich hatte gegenüber einem neuen Praktikanten negative Sentiments. Die Gefühle waren nicht direkt böse, aber dennoch falsch. Ich hatte ihn nämlich vom ersten Tag an als Konkurrenten angesehen, und diese Einstellung verbaute mir den richtigen Zugang zu dem Menschen. Das bewusste Gebet für diese Person hat meine Einstellungen geradegerückt und meine negativen Gefühle abgebaut und hat mich frei dazu gemacht, gut mit ihm zusammenzuarbeiten und auch sein Wohl im Auge zu haben.

Dienst ist also nicht anderes als eine Anwendung der „Goldenen Regel“. Gott will, dass wir Licht uns Salz sind. Deswegen wird er unsere, auch meine Tat zu einem Zeichen für diese Welt machen. Das klingt hochtrabend, ist aber so. Und das ist sehr sehr cool, sich darauf verlassen zu können.

Ich hatte Bedenken, ob meine Illusionslosigkeit für die junge Praktikantin nicht etwas zu herb war. Ich bedauere diese Illusionslosigkeit keineswegs, so ist das nicht. Ich wünsche mir sogar sehr, dass sie etwas davon mitnimmt auf ihren Lebensweg. Aber meine Befürchtung ist, dass sie meine Äußerungen mit Verschlagenheit verwechselt. Dass sie annimmt, ich sei genau so schlecht, wie die, die ich als schlecht und verschlagen dargestellt habe. Ich hoffe sehr, dass sie den Unterschied gemerkt hat.

Anderen zu dienen bedeutet nicht, sich wie ein Lastenesel ausnutzen lassen zu müssen. Liebe bedeutet nicht, sich allem ausliefern zu müssen. Misstrauen steht in keinem Widerspruch zur Nächstenliebe. Wenn man die Schlechtigkeit seiner eigenen Person und der ganzen Menschheit erkennt hat, dann lösen sich alle Illusionen auf. Wenn Gott einem die Augen für die eigene Schuld öffnet, dann stellt es sich irgendwann auch ein, dass man die Sünde und Schlechtigkeit der Menschen um einen herum neu und anders wahrnimmt, nämlich als das, was sie sind: hässlich und ekelhaft.

Arglosigkeit vs. Verschlagenheit

Und so erging es mir leider, als der letzte Praktikant. Er war schon deutlich älter als wir anderen Praktikanten, brachte Berufserfahrung mit und war entsprechend konditioniert: Aufs Hauen und Stechen. Vom ersten Tag an war er am herumkritteln, und ehe man sich versah, fing er auch schon an über den Chef zu lästern. Erstaunlich, wie eine einzige Person mit ihrer Negativität das Klima verändern kann.

Einerseits war ich froh, dass mein Praktikum einige Tage später endete. Andererseits ist mir natürlich eine interessante Erfahrung entgangen: Wie wäre ich mit dieser Person umgegangen? Wie verhält man sich als Christ gegenüber einem solchen Menschen? Theoretisch ist das ja alles ganz klar, aber erst in der Praxis wird das hochspannend.

Sprüche 4,23 ist für mich in diesem Zusammenhang ganz wichtig. „Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.“ Es geht um das innere Wesen des Menschen, seine Gefühle und Gedanken. Diese müssen arglos sein, ohne Arg, Bosheit. Und wer über seinen Chef lästert, wird niemals eine arglose Beziehung zu ihm haben können. Seine Zunge legte Zeugnis über sein Innerstes ab.

Das ist die Natur des Menschen

Ich hatte noch zwei weitere Erfahrungen, wo mir die Natur des Menschen besonders bewusst wurde. Einmal war das in der Uni-Bibliothek, als hinter mir eine Gruppe von Mädchen sich unterhielt und eines der Mädchen zur Selbstdarstellung über ihre sexuellen Erfahrungen und ihre Karrierevorstellungen sprach. Ich saß gemütlich auf der Lesecouch, die Gruppe auf einer anderen Couch in meinem Rücken. Ich konnte mir wunderbar Notizen zu ihrem Gespräch machen. Die Mädchen kannten sich offenbar nicht, sie stellten sich einander vor, waren anscheinend Erstsemester. Die Dynamik dieses Gesprächs verblüffte mich. Innerhalb von Minuten wurde die Rangordnung innerhalb der Gruppe festgelegt und dasjenige Mädchen, das so viel über die eigene Sexualität zu berichten wusste und so abfällig über ihre letzte Beziehung gesprochen hatte, hatte sich zweifellos als Alphamädchen positioniert.

Das ist das hässliche Gesicht des Weltsystems, heruntergebrochen auf eine kleine Begebenheit, für mich in dem
Moment aber ungewohnt niederschmetternd. Die andere Begebenheit, die mich sehr bedrückte, war in der S-Bahn, Freitagnachmittag. Die Berufstätigen fahren alle in das wohlverdiente Wochenende. Dazwischen ein betrunkener Mann, ebenfalls im Werkeltagskleide, aber schon mit Bierflasche in der Hand. Er lallt vor sich hin, redet über Kinder und Frau, fängt an zu weinen und beklagt schließlich seine Familie. Und die Menge drumherum, Alte und Junge gleichermaßen, belustigen sich, 20 Minuten lang. Sie hatten einen tierischen Spaß, und wussten am Wochenende sicher einiges darüber zu erzählen.

Mir ging das sehr nahe. Und als mir die Tränen kamen, wusste ich nicht so genau, ob ich wegen dem armen Mann weine oder wegen den vielen noch viel ärmeren Menschen um ihn herum.

Aber warum diese Gefühle? Ich denke, weil Gott zeigen möchte, wie er das alles sieht. Gott möchte, dass ich seine Perspektive einnehme, die Perspektive eines mitleidenden Gottes. Wir müssen das Seufzen dieser Menschheit hören und spüren, sonst werden wir niemals wirklich verstehen, warum diese Welt Erlösung braucht.

Fehler

Mein größter Fehler war, das Praktikum als eine Ausnahmesituation zu behandeln und darüber das Bibellesen zurückzufahren und das Beten zu vernachlässigen. Im Praktikum merkte ich das noch nicht so, aber in den letzten Wochen rächte sich das. Und das war keine schöne Erfahrung. Glaube aus der Erinnerung ist wie Glaube aus der abgelaufenen Konserve: schmeckt fürchterlich.

Vor einiger Zeit habe ich einen Christen kennengelernt, der Pfingstler ist. Er ist erst seit zwei Jahren Christ und ist sehr stark in der pfingstlerischen Lehre „drin“. Einerseits bewundere ich seine Art zu Glauben, gleichzeitig sehe ich darin auch Probleme. Ich wünsche ihm, dass er auch mal einen Blick nach links und nach rechts wagt, denn der Glaube, Gott müsse alles Schlechte beseitigen, irrt gewaltig und kann in schwere Glaubenskrisen führen, wenn das Leben mal nicht nach Plan verläuft, aus den Fugen gerät, wenn leiden angesagt ist. Wenn der determinierte Automatismus „Input (Glaube) –> Output (Alles erwünschte Gute) zu greifen aufhört. Er erzählte einmal von seinem Glauben und den Veränderungen in seinem Leben. Er zählte einige Dinge auf, nannte Dinge, an denen er „arbeitet“, fügte dann aber hinzu „…aber im Großen und Ganzen bin ich mit meinem Leben zufrieden“. Dieser Satz erstaunte mich, weil ich ihn so nie sagen könnte.

Ich war nie mit meinem geistlichen Leben zufrieden und werde es wohl niemals sein. Glaube ist für mich Kampf. Für ihn nicht. Das sagte er auch so. Wer kämpft, der glaubt noch nicht richtig, denn wer glaubt, dem werden alle Dinge zufallen. Das ist seine Sicht auf die Dinge.
Einige hochgeistliche Christen werden sagen: Aber du sollst ja gar nicht kämpfen, denn Jesus hat alles für dich errungen etc. Ja, Jesus hat meine Schuld getilgt und mein Glaube ist ein Geschenk. Aber gerade deswegen, weil Glaube ein Geschenk ist, ist es etwas, das nicht natürlich ist, es ist nicht intuitiv, auch wenn ich das selbst glauben möchte. Glaube ist Krieg. Und das Schlachtfeld des Glaubens ist mein Leben. Es geht um meinen Gehorsam. Um die Frage: Wem will ich dienen? Diese Frage muss ich jeden Tag neu beantworten. Ich ganz allein.

Das war mein übrigens mein Weihnachtslied 2011

This is war like you ain’t seen.
This winter’s long, it’s cold and mean.
With hangdog hearts we stood condemned,
But the tide turns now at Bethlehem.

This is war and born tonight,
The Word as flesh, the Lord of Light,
The Son of God, the low-born king;
Who demons fear, of whom angels sing.

This is war on sin and death;
The dark will take it’s final breath.
It shakes the earth, confounds all plans;
The mystery of God as man.

Gut zu wissen!

Dezember 2, 2011 21:21

 

 

Jesus: Der Work-Life-Balance-Ratgeber

November 21, 2011 21:59

Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, dass jeder Tag seine eigene Plage hat.

- Matthäus 6,34

 

Das bedeutet konkret: Ich darf Dinge auch mal liegenlassen. Ich darf Fünfe grade sein lassen. Das ist ja eigentlich so gar nicht meine Art. Ich merke in diesem Praktikum, dass ich ein verdammter Perfektionist bin. Einerseits ist das gut, denn ich bin mir immer mein eigener Maßstab. Das schafft eine gewisse Unabhängigkeit. Wenn der eigene Maßstab aber so hoch ist, wie das eigentlich niemand erwartet, und es auch völlig illusorisch ist, dann wird das problematisch. Meine Maßstäbe machen mich dann kaputt. Ich habe schon seit Wochen Stress- und Erschöpfungssymptome. Und jetzt erst, zwei Wochen vor Ende, schalte ich ein wenig runter.

Man könnte meinen, der Vers oben sei aus dem Kontext gerissen, denn es geht dort ums Sorgen. Nun, auch bei mir geht es darum. Undzwar geht es um die ganz konkrete Sorge, wer die Arbeit erledigt, wenn ich das nicht tue? Und die zweite Sorge:  Meine Leistung genügt nicht. Sobald ich mir selbst nicht genüge, denke ich, dass ich auch anderen nicht genüge.

Eine weitere Sache, die mich momentan beschäftigt, ist die Frage nach dem „Dienen“. Wir sollen allen Menschen dienen. Was bedeutet das konkret am Arbeitsplatz? Ich neige dazu, Jesus Worte immer besonders radikal zu interpretieren. Hier habe ich aber das Gefühl, dass ich das nicht allzu absolut sehen sollte. Dienen bis zum Burnout? Wem ist dann gedient? Hmpf!

Guttenberg reloaded

November 19, 2011 14:52

Neues von der Praktikumsfront

Oktober 30, 2011 18:24

Seit zwei Monaten bin ich nun im Praktikum. Und es ist unglaublich. Im Rückblick bin Gott für jeden einzelnen Tag dankbar, obwohl es viele Tage gab, an denen ich nicht dankbar war. Dieses Praktikum ist ein großer Segen. Gott hat mich durch alle Probleme und Problemchen durchgetragen und hat mir viel von seinem Wesen verraten. Er offenbart uns sein Wesen in seinem Wort, der Bibel. Aber man kann noch so viel in der Bibel lesen, wenn man das nicht selbst erlebt, nicht spürt, dann bleibt alles Geschriebene doch irgendwie tot und leer.

Die erste Praktikumswoche war für mich die schwerste. Ich war sehr angsterfüllt, niedergedrückt und innerlich blockiert, weil ich mich an andere Praktika erinnert fühlte, in denen ich schlechte Erfahrungen gemacht habe. Das wirkte sich natürlich auch auf meine Arbeit aus. Aber es war gleichzeitig auch die schönste Zeit. Nie zuvor habe ich Gott so sehr gespürt wie in dieser Woche. Seinen Frieden und sein Wort: Habe keine Angst, denn ich bin bei dir.

Auf den inneren Schmerz folgte dann der echte, physische Schmerz. Über zwei Wochen plagte ich mich mit einer Sehnenscheidenentzündung an beiden Schienbeinen herum. Der Schmerz war fürchterlich. Und ich musste gerade in diesen Tagen viel laufen, in der ganzen Stadt Plakate kleben. Ich war natürlich zur Behandlung beim Arzt, hätte mich krankschreiben lassen können, habe das aber nicht in Erwägung gezogen. Ich habe schon zu viele Entscheidungen getroffen, die ich bedauere. Es sollte nicht noch eine hinzukommen, die ich mir selbst nicht verzeihen kann. Ich weiß nicht, ob das Stolz war oder eher Zuversicht. Im Rückblick war das auch gar nicht so schlimm, zumindest nicht so schlimm wie der seelische Schmerz in der ersten Woche.

Alles, was danach kam, lässt sich mit „genial“ gut zusammenfassen. Es ging nur noch bergauf. Bergauf bedeutet, dass es weder auf der Arbeit noch in meinem Inneren zu überwindende Hindernisse gab. Es stellte sich eine Ruhe und Zufriedenheit ein, eine Dankbarkeit, wie ich sie so zuvor noch nicht erlebt habe und eine tiefe Freude über Gott und meinen Herrn Jesus Christus.

Als ich vor ein paar Jahren meine Ausbildung schmiss, weil ich keinen Bock mehr hatte, dachte ich, diese Entscheidung sei die beste gewesen. Aber ist das wirklich so? Ich bin mir nicht mehr ganz so sicher. Hätte ich das damals nicht gemacht, würde ich heute vielleicht nicht studieren und nicht das tun, was mich interessiert. Andererseits bin ich aber zu der Einsicht gekommen, dass es auch mein mangelnder Glaube war, der mich damals „scheitern“ ließ. Hätte ich damals so geglaubt wie heute, ich hätte die Ausbildung zu Ende gemacht. Und ich bin mir sicher, Gott hätte auch diesen Weg gesegnet und Großartiges daraus gemacht.

Es macht mich ein Stück weit traurig, wenn ich mir vor Augen führe, dass ich all das, was ich heute erlebe, auch damals schon hätte erfahre können. Jeder beschissene Tag damals hätte mich näher zu Gott bringen können. Jeder beschissene Tag hätte mich dankbarer und dankbarer und dankbarer gemacht. Ich hätte Vertrauen gelernt. Ich weiß schon so lange von Gott, hab schon so viel gehört, gelesen und darüber nachgedacht. Und trotzdem ist das alles heute so neu für mich.

Irgendwann hat Gott mich errettet. Ich weiß nicht, wann das war. Fest steht nur, dass er mich erwählt hat, nicht umgekehrt. Er gab mir Sündenerkenntnis. Aber gerade diese Erkenntnis erdrückte mich, weil ich nur meine Schlechtigkeit sah und Gottes Gnade nicht annehmen konnte. Ich hatte die Relation nicht verstanden, obwohl ich so oft von der Gnade und Liebe Gotte hörte.

Ich frage mich immer noch, wie „gesunde Lehre“ sein muss. Man kann auf beiden Seiten vom Pferd fallen. Auf der einen Seite produziert man geistliche Krüppel, auf der anderen Seite fleischliche Heilige. Errettet sind beide, aber das kann ja nicht alles sein. Das nur als Randbemerkung.

Nach Jahren bin ich nun endlich über die Errettung hinaus. Erst jetzt begreife ich Gottes Gnade und sehe ansatzweise Früchte. Ich lerne jetzt erst Vertrauen, verstehe, dass Gott alle meine – auch menschlichen – Bedürfnisse stillen möchte und es auch tun wird (Philipper 4,19). Alle Gedanken in diesem Blog, die ich zum Thema „Mädchen“ und „Freundin“ angestellt habe, waren Ausdruck meines mangelnden Vertrauens. Es ist ganz grundsätzlich: Der Gedanke „mir fehlt etwas“ ist ein schlechter und falscher Gedanke, er kommt nicht von Gott. „In Christus habe ich ALLES.“ Das ist ein so einfacher Satz. Aber es ist so unendlich schwer, diesen Satz im Glauben zu erfassen und diesen Satz im Alltag zu leben.

Ganz praktisch zu vertrauen lehrte mich Gott, als ich Anfang des Monats die Statistik-Klausur nachschreiben musste. Da ich den ersten, regulären Schreibtermin nicht wahrnehmen konnte, weil ich einfach nicht rechtzeitig mit dem Lernen angefangen hatte, verschob ich den Termin. Und ich hatte damals ein gutes Gefühl dabei. Ich hatte ja nun viel Zeit zum Lernen. Ich legte mir also einen schönen Plan zurecht, wann ich anfangen und wie ich vorgehen würde etc. Wie das bei mir so ist, habe ich mich an den Plan natürlich nicht gehalten. Teilweise auch durch die schwierigen ersten Wochen im Praktikum bedingt, fing ich auch beim zweiten Mal viel zu spät mit dem Lernen an. Ich hatte in meinem Plan auch die Schwierigkeit nicht einkalkuliert, nach einem vollen Arbeitstag konzentriert Lernen zu müssen. Das ist verdammt schwer, musste ich feststellen.

Noch nie habe ich so wenig gelernt. Wie ich am Ende feststellte, hatte ich zu Beginn auch teilweise falsche, nicht relevante Sachen gelernt. Und trotzdem ging ich mit Frieden in diese Klausur, weil ich diese Sache im Vertrauen an Gott gegeben hatte.

Was ich auch neu für mich gelernt habe, ist, dass wir bei unseren Bitten nicht im Ungefähren bleiben sollten. Wir sollten ehrlich genug sein, Gott gegenüber unseren eigenen Willen zu artikulieren. Aber wir sollten prüfen, mit welcher Herzenshaltung wir bitten und was unsere Absichten sind. Sogar Jesus selbst hat im Garten Getsemane seinen menschlichen Willen artikuliert: „Lass diesen Kelch an mir vorübergehen.“ Und Jesus formulierte diesen Willen, OBWOHL er den Willen des Vaters kannte! Aber er konnte diesen seinen eigenen Willen dennoch formulieren, weil er wusste, dass Gott sich auch für eine Alternative hätte entscheiden können (Markus 14,36: „Alles ist dir möglich;“). Letztendlich aber konnte er seinen eigenen Willen formulieren, weil seine Herzenshaltung stimmte: „Doch nicht, was ich will, sondern was du willst!“ Jesu Ziel war trotz allem die Verherrlichung des Vaters. Obwohl Jesus wusste, dass Gott sich auch auf anderem Wege hätte verherrlichen können, unterwarf er sich, trotz eigener Willensbekundung, letztendlich doch dem Willen des Vaters.

Als ich nun für die Klausur betete, wusste ich nicht, was der Wille Gottes war. Ich wusste nur, dass Gott sich in allen Dingen meines Lebens verherrlicht sehen möchte. Aus diesem Umstand meines Nichtwissens leite ich für mich persönlich ab, dass ich wirklich wie ein Kind bitten darf, in absolutem Vertrauen und mit großer Erwartungshaltung. Gott wird sich nicht immer für unseren Willen entscheiden, aber in meinem Fall hat er es getan. Er ließ mich die Klausur bestehen, obwohl ich so wenig gelernt hatte, obwohl ich die meisten Rechenaufgaben nicht gelöst hatte und bei den meisten Multiple-Choice-Fragen meine Kreuzchen auf gut Glück setzte. Gott ist so treu!

So kann ich nun auch in diesem Semester die Veranstaltungen nach regulärem Plan belegen und es häuft sich nichts an. Das geplante Auslandssemester lässt sich so auch leichter verwirklichen.

Aber darum geht es im Grunde gar nicht. Es geht darum, dass Gott sich Raum schafft. Und ich habe in den letzten zwei Monaten festgestellt, dass Gott sich dort verherrlicht und dort groß wird, wo ich schwach bin und versage. Dass gerade die tiefsten Täler eigentlich die lichtesten Momente sind, wo wir emporgehoben werden, um das Wesen unseres Vaters zu erkennen und die Liebe des Christus. Wenn man das einmal erlebt hat, dann sehnt man sich immerzu danach.

Aber der Alltag ist anders. Im Alltag steht man meist vor Problemen, von denen man meint, sie selbst bewältigen zu können. Wir verwehren Gott die Chance, zu handeln.

Momentan ist bei mir „Alltag“. Einen Monat läuft mein Praktikum noch. Es dümpelt alles vor sich hin. Ich freue mich schon auf die morgen beginnenden Vorlesungen. Ich ahne aber, dass dieser Monat hinsichtlich der Arbeitsbelastung der härteste werden wird. Und im Dezember werde ich alles aufarbeiten müssen, was ich dann im November verpasst habe.

Ich freue mich auf den Bibelkreis, der nun wieder beginnt, sehr. Ich will nicht viele Worte darüber verlieren. Nur soviel: Man kann die Bedeutung dieses Bibelkreises für meine Entwicklung gar nicht hoch genug einschätzen.

Ich hoffe sehr, das alles bewahren zu können, was ich gelernt habe. Man kann „Ohnmacht“ nicht produzieren. Gott gibt diese Momente, die zuerst wie bittere Pillen sind, sich aber in süßen Honig verwandeln (Psalm 19,11), wenn wir uns inmitten unserer Probleme zu ihm wenden und unsere Zuflucht bei ihm suchen. Leid, Ohnmacht und innere Not sind etwas, was Gott selbst uns auferlegt. Aber im Alltag möchte Gott, dass WIR IHN suchen. Es ist nicht nötig, dass Gott uns Ohnmacht aufzwingt. Am Leben Jesu, wie es in der Bibel überliefert ist, sehen wir, dass Gott Großartiges tut, sich zeigt und uns nahe ist. Aber er tut das nur, wenn unser ganzes Leben – ganz so wie das Leben Jesu – nur ein Ziel hat: Seine Verherrlichung.

Ich bin noch ganz am Anfang. Aber zumindest habe ich mich auf den Weg gemacht. Endlich.

September 4, 2011 21:07

Momentan habe ich wenig Lust aufs Bloggen. Es gäbe viel zu berichten aus dem Praktikum, aber ich sollte mich bedeckt halten. Zu viele Menschen stolpern über die Dinge, die sie so im Internet treiben und schreiben.

Was ist das schlimmste an der Arbeit? Es ist das Gefühl am Abend, wenn man daran denkt, dass man am Morgen wieder aufstehen muss und einen beschissenen Tag im Büro verbringt. Der Tag im Büro ist dann aber gar nicht so schlecht. Die ersten Tage fielen mir sehr schwer. Inzwischen geht es. Trotzdem deprimiert das aber irgendwie. Im Schweiße ihres Angesichts sollen die Menschen ja arbeiten, sprach Gott damals. Im Büro schwitzt man zwar nicht unbedingt, aber als Konsequenz der Vertreibung aus dem Paradies ist das Arbeiten, ganz gleich um welche Arbeit es sich handelt, ein Vorgeschmack auf die Hölle, denn sie ist Ausdruck der Gottesferne des Menschen. Aber wie gesagt, ich will hier nicht viele Worte über die Arbeit verlieren.

Mein Glaubensleben ist viel spannender. Gerne würde ich mehr dazu schreiben, aber es gestaltet sich jedes Mal als unglaublich schwierig, die richtigen Worte zu finden, die meine Gefühle und Gedanken richtig transportieren. Ich fasse mich also kurz.

Was lehrt mich Gott momentan?

1. Frieden und Ruhe ist nur bei ihm zu finden. Wer seinen Frieden nicht in Christus sucht, sucht ihn zwangsläufig bei sich selbst. Und manch einem mag das auch gelingen. Doch dieser Friede ist trügerisch. Der schwache, der zerbrochene Mensch hingegen findet diesen Halt nur in Christus, weil er weiß, wie unwürdig, gering und schwach er in Wirklichkeit ist. Deswegen ist Christus auch so ein Anstoß, er zeigt den Menschen, wie sie wirklich sind. Und dieses wenig schmeichelhafte Zeugnis wollen die meisten Menschen nicht akzeptieren, weil sie sich selbst stark fühlen und stark sein wollen.

2. Nur wenn ich auf Christus schaue, werde ich von meinem nach innen gerichteten Blick frei. Er gibt mir dann den Blick nach außen, für die Ängste, Sorgen und Nöte der Nächsten.

Das sind zwei der wichtigsten Merkmale des Heiligen Geistes:
1. Er zerbricht die menschliche Persönlichkeit. Die Folge ist ein Gefühl tiefster Unwürdigkeit.
2. Er lässt „Ströme lebendigen Wassers“ vom Leib des Menschen fließen.
Zwischen Zerbruch und fulminantem Comeback liegt die Heiligung. Der Zerbruch ist ja nur innerlich. Damit Gott durch uns nach außen wirken kann, müssen wir aber komplett rein sein, auch äußerlich, körperlich.

3. Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Gott aber sieht das Herz an. Gott will nicht, dass ich meinen Umgang mit Menschen nach persönlicher Sympathie gestalte, sondern nach anderen Kriterien. Er will aber noch mehr. Dass ich Menschen DIENE, ganz unabhängig davon, wer, wie oder was die Menschen sind.

4. Ich will hier nicht vom Kelch Christi sprechen, denn ich wurde in meinem Leben bisher noch nicht wirklich geprüft. Ich plage mich nur mit meinen vergleichsweise kleinen Problemen herum. Aber ich muss durch sie durch. Ich weiß, dass sie mir wichtige Dinge aufzeigen und mich näher zu Gott führen.

5. Er ist immer da. Auch und besonders jetzt in der Zeit des Praktikums, die mich sehr herausfordern und belasten wird, körperlich, seelisch und vor allem geistlich. Eine Prüfung steht mir in einem Monat noch bevor. Ich muss mich gut vorbereiten, denn die Durchfallquote war beim ersten Prüfungstermin sehr hoch. Aber Gott kümmert sich. Er will jedes noch so kleine Fitzelchen unseres Lebens. Aber er tut das, um uns noch viel mehr zurückzugeben. Er fordert alles von uns, und gibt uns sich selbst. Wir sind ihm sehr wichtig, er zeigt das immer wieder. Und sei es dadurch, dass er uns morgens nicht verschlafen lässt. So geschehen am Mittwoch vergangener Woche. Ich war eingeschlafen, ohne vorher meinen Wecker zu stellen. Ich war spät schlafen gegangen, musste früh aufstehen. Und obwohl ich seit Wochen gegen Mittag aufstehe, bin ich an diesem Tag dennoch genau zur richtigen Zeit um 6.30 Uhr aufgewacht. Danke Vater, dass du mir die Peinlichkeit erspart hast, am ersten Praktikumstag zu spät zu kommen.

Ich frage mich nur: Hätte ich auch dann gedankt, wenn er mir die Peinlichkeit nicht erspart hätte? Aber das ist nun Vergangenheit. Die Gegenwart und Zukunft hält ausreichend Gelegenheit bereit, Vertrauen zu erproben. Mittlerweile bin ich auch ein wenig eingearbeitet. Die miesen, angsterfüllten, bedrückenden Gefühle der ersten beiden Tage sind verschwunden. Ich denke, ich werde sogar richtig Spaß an der Arbeit haben.

6. Die Punkte 1-5 habe ich vor einigen Tagen aufgeschrieben. Donnerstag und Freitag waren zwei schöne und zugleich auch zwei schreckliche Tage. Ich hatte mich sehr auf sie gefreut, aber am Ende wurden sie zur Qual. So kann das gehen. Ich habe momentan fürchterliche Schmerzen im unteren Schienbeinbereich bzw. am Fußgelenk. Konnte deswegen heute nicht in den Gottesdienst. Mal schauen, wie ich die nächsten Tage bewältigen werde.

September 3, 2011 0:12

Heute war ich „beruflich“ in Walle und Gröpelingen unterwegs, nachdem ich gestern in Horn-Lehe, Schwachhausen und der Neustadt war. Nachmittags auf dem Heimweg suchte ich einen der auf meinem Trip in die bremischen Suburbs reichlich vorgefundenen türkischen Gemüseläden auf.

Walle geht ja noch, aber Gröpelingen ist total heruntergekommen. Auf dem Trip durfte ich ein paar Einrichtungen besuchen, die mich arg an Rütli erinnerten. An einer Schule zog auch gerade die Polizei ihre Streife um den Block. Was mir auffiel: Viele Kinder kennen sowas wie Zurückhaltung überhaupt nicht mehr. Damit meine ich aber keine positive Offenheit, sondern ein überhaupt nicht vorhandenes Gefühl dafür, wie man sich angemessen gegenüber Fremden und Autoritätspersonen verhält. So sprach z.B. ein maximal 14-Jähriger seinen Lehrer mit Vornamen an, schrie ihn an und nannte ihn einen Idioten. All das direkt vor meinen Augen, also in Anwesenheit einer fremden Person, die sich gerade erst im Gespräch mit dem Lehrer vorgestellt hatte. So unangemessen der Schüler handelte, so unangemessen reagierte der Lehrer darauf: Er wies den Schüler an, wieder in die Klasse zu gehen. Das war´s. Daraus kann man nur schließen, dass dieser Ton normal, solch asoziales Verhalten Standard ist. Mir tun diese Lehrer echt leid. Sie sind total überfordert und werden verschlissen wie Frontsoldaten. Aber Bremen wird sich auch in Zukunft viele schöne Bildungsexperimente einfallen lassen. An jeder zweiten Schule hängt über oder am Eingang die Plakette „Schule gegen Rassismus, Schule mit Courage“. Wenn man sich diese Schulen anschaut, könnte man glatt auf die perverse Idee kommen, dass hier „Schule ohne Deutsche, Schule mit Migranten“ gemeint ist. So bekämpft man aber keinen Rassismus. Man verkehrt nur seine Vorzeichen.

Gröpelingen war in dieser Hnsicht durchaus interessant, aber freiwillig werde ich da nicht nochmal hinfahren. Was ist der Unterschied zwischen Gegenden wie Horn-Lehe oder Schwachhausen und Gröpelingen? In Horn lebt der einfache, ordentliche Deutsche, der sich durchaus vorstellen kann, christdemokratisch zu wählen. Deswegen gibt´s in Horn aber auch keine türkischen Gemüseläden. Das bedauere ich, weil ich monatelang nach einem gesucht habe. Nun habe ich in der Vahr einen Mix-Markt gefunden, der die gesuchten Produkte anbietet. In Gröpelingen habe ich heute an jeder Ecke einen Gemüsemarkt gesehen. Dafür hat Horn den großen Vorteil, dass die Feuerwehr dort nachts nur einmal, vielleicht auch gar nicht ausrücken muss. In Gröpelingen hat sie auch mal fünf Einsätze pro Nacht.

In dem aufgesuchten Laden kaufte ich mir leckere Weintrauben und anderes Obst. Gerade an der Kasse stehend – die Frau vor mir packte noch schnell ihre Sachen ein und schnackte mit der Verkäuferin auf Türkisch -, kommt von hinten eine Stimme:“Bist du Christ?“ BAAAAM! „Scheiße, die haben erkannt, dass ich nicht zu denen gehöre“, schoss es mir augenblicklich durch den Kopf, ich fühlte mich enttarnt. Ich drehte mich also um, und sah, zu meinem Erstaunen, eine sehr deutsch aussehende Frau mittleren Alters. Als sie merkte, dass ich nicht verstand, warum sie das fragte, verwies sie auf das kleine Holzschildchen, das hinten an meinem Rucksack hängt und das mich als Jesus-Jünger identifiziert.  Es kam dann raus, dass sie aus Walle kommt und auch die Gemeinde kennt, in die ich in letzter Zeit gehe. Leider traute ich mich aber nicht, sie weiter zu fragen. Schade. Das bereue ich jetzt. Da muss ich auch noch angemessenes Verhalten üben.

Feierabend

August 30, 2011 21:14

Heute bin ich nach der Arbeit mal in die St. Martini-Kirche gegangen. Eine sehr freundliche, ältere Frau zeigte mir dann ganz spontan die wichtigsten Sehenswürdigkeiten und erzählte ein wenig über die Kirche. So lüftete sich denn auch das Geheimnis um diese Melodie, die alle paar Stunden vom Turm der Kirche ertönt und die ich von meinem Büro aus hören kann. Es handelt sich um das berühmte alte geistliche Lied „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ von Joachim Neander. Neander, nach dem das Neandertal an der Düssel benannt ist, weil er in dieser Schlucht oft dichtete, war im 17. Jahrhundert Pfarrer in St. Martini.

Sie zeigte mir ein auf der Rückseite der Kirche erhalten gebliebenes Stück Mauerwerk und darüber ein Relief, eine Szene aus der Offenbarung: Christus auf dem Thron. In ein Bischofsgewand gehüllt und mit einem Stab in der Hand richtet er als Hirte die auferstandenen Toten zur Rechten und zur Linken. Wikipedia schreibt, und das meinte auch die Frau, das Thema dieser Darstellung sei in Deutschland sehr selten. Komisch, und ich dachte bisher, dass dieses Thema an so ziemlich jeder Kirchenmauer oder Kirchenfenster zu finden ist.

Sehr schön war auch die Mini-Predigt, die sie mir über das Verständnis des reformierten Protestantentums hielt: sola scriptura. Die Schrift, das gesprochene Wort der Predigt, der Lehre und schließlich Christus selbst als DAS Wort sind Mittelpunkt des Glaubens und somit auch des Gottesdienstes. Ein Glaube und ein Gottesdienst, bei dem Gefühle im Mittelpunkt stehen, haben keinen Bestand. In Geist und Wahrheit beten wir an. Und der Geist kommt durch die Verkündigung des Wortes, und nicht durch tolle, moderne Lieder, die so richtig schön wummern oder anderen Dinge, die die Emotionen ansprechen. Natürlich erfreut sich unsere Seele an schönen Liedern, aber wenn das Wort nicht recht verkündigt wird, helfen alle schönen Lieder nicht.

Die Frau hatte etwas mitzuteilen. Sie strahlte dabei die ganze Zeit.

Once upon a time in Soviet Russia

August 29, 2011 23:44

Gestern vor 70 Jahren, also am 28.08.1941, begann die Deportation der Wolgadeutschen nach Sibirien bzw. in die südlichen, asiatischen Sowjetrepubliken. Sagte mir grad meine Mutter am Telefon. Bis vor ein paar Wochen wusste ich nicht mal, dass meine Eltern und alle meine Geschwister seinerzeit bei der Einreise den Vertriebenenstatus zuerkannt bekamen, oder dass es einen Aussiedlerfond bei der Konrad-Adenauer-Stiftung gab.

Ich mag meine Aussiedler-Biographie nicht. Das einzig gute an ihr ist, dass sie ein Happy End gefunden hat: Ich darf in einem Land Leben, das ich Heimat nennen kann. Alles, was vor diesem Happy End liegt, würde ich gerne vergessen. Ich werde zwar niemals ein Lipper sein oder ein Westfale, aber immerhin bin ich ein Deutscher. Ich will mit meiner Biographie nicht hausieren, auch wenn ich das zugegebenermaßen in Bewerbungen durchaus mache. Aber dort erfüllt es einen Zweck. Ansonsten möchte ich einfach nur normal sein, einer unter vielen. Und deswegen habe ich meiner russlanddeutschen Mitpraktikantin heute auch nicht erzählt, dass ich ebenfalls von jener Sorte bin. Ich habe ihr allerdings eher unfreiwillig einen kleinen Hinweis gegeben. Den Rest kann sie sich ja denken. Dass sie eine Russlanddeutsche ist, war mir von Anfang an klar. Ihr Name (Kristina) und ihre Gesichtszüge reichten vollkommen aus. Mhh, ob man mir das auch ansieht?

 

 

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