Januar 17, 2012 1:27
Mein Praktikum liegt nun schon einige Wochen zurück. Aber gedanklich klebe ich teilweise immer noch an diesen drei Monaten.
Spuren
Das ist ein zentraler Gedanke, der mich logischerweise erst retrospektiv beschäftigt. Man kann schließlich schlecht nach Spuren suchen, wenn man noch keinen Weg zurückgelegt hat. Jetzt liegen drei Monate hinter mir. Was bleibt von mir zurück?
Die Stichworte, die mich begleiten, sind Treue, Aufopferung und Identifizierung. Es ist völlig egal, welche Arbeit ich verrichte, und sei es die dümmste Praktikantentätigkeit (die ich glücklicherweise niemals tun musste!). Gott will, dass ich treu bin, dass ich mein Bestes gebe und dass ich mich mit den Zielen meiner Arbeitsstätte identifiziere. Es geht hier nicht um Kadavergehorsam und Stromlinienförmigkeit! Es geht darum, dass man unweigerlich außerhalb des Taktes läuft, sei es aus charakterlichen oder geistlichen Gründen. Sobald man das Anderssein bemerkt, kommt automatisch das Zurückblicken und Suchen nach den Fußabdrücken, die dem monotonen Trappeln nicht folgen wollten.
Dieses Spurensuchen ist nicht vermessen. Hätte ich nur meine charakterliche Absonderlichkeit, ich würde nicht nach Spuren Ausschau halten. Ich würde stets nur meine nächsten Schritte planen, die folgenden sicheren Tritte suchen, den Erfolg fest im Blick. Zurückblicken würde mir nicht in den Sinn kommen. Zum einen, weil es viel Zeit kostet, Zeit, die man nicht hat. Zum anderen, weil das Zurückblicken nur wenig Erbauendes offenbaren würde. Ich würde einen hoffnungslos unkommunikativen und unbeholfenen 24-Jährigen Studenten sehen. Das Zurückblicken würde mir den Status Quo zeigen, ein grauenhaftes Bild meiner Person.
Hätte ich nur meine charakterliche Absonderlichkeit. Ich habe aber auch noch diese andere Absonderlichkeit, das Christsein.
Das Christsein fordert mich auf zurückzublicken. Es stellt die Realität und die Regeln dieser Welt auf den Kopf. Christsein macht aus Hoffnungslosigkeit Hoffnung, mehr noch, Gewissheit. Deswegen darf ich nach hinten schauen und erwarten, dass Gott aus dem, was ich tue, Gutes gedeihen lässt, ganz egal, wie ich mich selbst sehe und wie ich mich fühle. Ich darf zurückblicken und kann nicht anders, als dankbar zu sein.
Es fällt mir schwer, mit anderen Menschen über Gott zu sprechen. Aber das liegt nicht am Thema, sondern am Sprechen. Eine Möglichkeit hatte ich dann aber doch, meinen Mitpraktikanten mitzuteilen, dass ich an Gott glaube und ich hatte die Möglichkeit, klarzustellen, dass Glaube etwas anderes ist als Kulturchristentum. Das war´s an Worten. Dann habe ich beide – vielleicht nicht energisch genug – zu zwei Veranstaltungen eingeladen. Mehr war nicht praktikabel und meiner Meinung nach auch nicht angebracht.
Ich habe nicht evangelisiert, ich habe keine Predigt gehalten und auch sonst nichts Spektakuläres gemacht. Aber ein Wort hat mich immerzu beschäftigt: Dienen.
Matthäus 7,12
12 Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.
13 Geht hinein durch die enge Pforte. Denn die Pforte ist weit und der Weg ist breit, der zur Verdammnis führt, und viele sind’s, die auf ihm hineingehen.
14 Wie eng ist die Pforte und wie schmal der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden!
Nach meinem Verständnis hat das Wort Dienst einen niederdrückenden und schwermütigen Charakter. Das Wort “Nächstenliebe” ist im Vergleich dazu viel fröhlicher und freimütiger. Das verwundert nicht weiter, denn jedem Menschen ist der Charakter der Liebe klar (1. Korinther 13). Der Liebende gibt frei und gern. Der Dienende gibt unter Schmerz und Entbehrung. So zumindest meine Assoziation.
Obwohl beide Begriffe normativ sehr einseitig sind, meinen sie beide die gleiche Tat, nur aus zwei Perspektiven. Daher müsste man sie eigentlich zusammen verwenden.
Wie schwer Dienen/Nächstenliebe ist, zeigt sich dadurch, dass in Matthäus 7 auf dieses zusammenfassende Gebot des Gesetzes sogleich das Bild von den zwei Wegen folgt: “Geht ein durch die enge Pforte!”
Der Weg des Dienens, der Weg der Nächstenliebe ist der schmale und furchtbar schwere Weg. Und das durfte ich im Praktikum erleben.
Es ging nicht darum, meine Bedürfnisse zu verleugnen. Zugegeben, in einigen Momenten dachte ich, dass Gott das von mir verlangte. Aber das ist falsch. Das geht auf Dauer nicht gut und das ist nicht Gottes Plan. Gott will nicht, dass wir Superman spielen.
Aber er will zum Beispiel, dass wir treu sind. Dass wir eine Aufgabe nach bestem Wissen und Gewissen erledigen, wenn man sie uns aufgetragen hat. Und allein das ist schon so schwer, weil es schier unendlich viele Ausflüchte und Ausreden gibt, um untreu zu werden. Wir sollen unsere Bedürfnisse aber sehr wohl prüfen, denn oft verbirgt sich dahinter reine Selbstsucht. Diese “Bedürfnisse” gilt es hintenanzustellen, sich selber weniger wichtig zu nehmen und auf das eigene Recht zu, wenn es geboten scheint, zu verzichten.
Dienen bedeutet auch, anderen zu helfen und sich Zeit für sie zu nehmen. Manch einer mag an diesem Punkt stocken und einwenden: Das ist nichts anderes als in Ratgeberbüchern steht. Anderen auf der Arbeit “geschickt” helfen ist nichts anderes als sich möglichst viele Kompetenzen (bei möglichst wenig Arbeit) unter den Nagel zu reißen. Wer sich Kompetenzen anhäuft, macht sich unentbehrlich und klettert die Karriereleiter hoch. Damit dient man letztendlich nur einem Selbstzweck.
Aber ist das so? Biblisches Dienen hat eine andere Intention. Hier tritt wieder ein Charakterzug zutage, der eher vom Begriff der Liebe abgedeckt wird. Der Dienst, weil er Liebe ist, sucht nicht das Seine, er erwartet keinen Lohn (1. Korinther 13,5). Deswegen ist er den Menschen so oft auch so unverständlich.
Beten verändert
Echtes Dienen ist selbstlos und liebend. Aber wie entwickelt man Liebe zu einem Menschen? In diesem Zusammenhang ist mir der altbekannte Spruch “Beten verändert nicht Gott, sondern den Beter” zum ersten Mal ganz praktisch deutlich geworden. Ich hatte gegenüber einem neuen Praktikanten negative Sentiments. Die Gefühle waren nicht direkt böse, aber dennoch falsch. Ich hatte ihn nämlich vom ersten Tag an als Konkurrenten angesehen, und diese Einstellung verbaute mir den richtigen Zugang zu dem Menschen. Das bewusste Gebet für diese Person hat meine Einstellungen geradegerückt und meine negativen Gefühle abgebaut und hat mich frei dazu gemacht, gut mit ihm zusammenzuarbeiten und auch sein Wohl im Auge zu haben.
Dienst ist also nicht anderes als eine Anwendung der “Goldenen Regel”. Gott will, dass wir Licht uns Salz sind. Deswegen wird er unsere, auch meine Tat zu einem Zeichen für diese Welt machen. Das klingt hochtrabend, ist aber so. Und das ist sehr sehr cool, sich darauf verlassen zu können.
Ich hatte Bedenken, ob meine Illusionslosigkeit für die junge Praktikantin nicht etwas zu herb war. Ich bedauere diese Illusionslosigkeit keineswegs, so ist das nicht. Ich wünsche mir sogar sehr, dass sie etwas davon mitnimmt auf ihren Lebensweg. Aber meine Befürchtung ist, dass sie meine Äußerungen mit Verschlagenheit verwechselt. Dass sie annimmt, ich sei genau so schlecht, wie die, die ich als schlecht und verschlagen dargestellt habe. Ich hoffe sehr, dass sie den Unterschied gemerkt hat.
Anderen zu dienen bedeutet nicht, sich wie ein Lastenesel ausnutzen lassen zu müssen. Liebe bedeutet nicht, sich allem ausliefern zu müssen. Misstrauen steht in keinem Widerspruch zur Nächstenliebe. Wenn man die Schlechtigkeit seiner eigenen Person und der ganzen Menschheit erkennt hat, dann lösen sich alle Illusionen auf. Wenn Gott einem die Augen für die eigene Schuld öffnet, dann stellt es sich irgendwann auch ein, dass man die Sünde und Schlechtigkeit der Menschen um einen herum neu und anders wahrnimmt, nämlich als das, was sie sind: hässlich und ekelhaft.
Arglosigkeit vs. Verschlagenheit
Und so erging es mir leider, als der letzte Praktikant. Er war schon deutlich älter als wir anderen Praktikanten, brachte Berufserfahrung mit und war entsprechend konditioniert: Aufs Hauen und Stechen. Vom ersten Tag an war er am herumkritteln, und ehe man sich versah, fing er auch schon an über den Chef zu lästern. Erstaunlich, wie eine einzige Person mit ihrer Negativität das Klima verändern kann.
Einerseits war ich froh, dass mein Praktikum einige Tage später endete. Andererseits ist mir natürlich eine interessante Erfahrung entgangen: Wie wäre ich mit dieser Person umgegangen? Wie verhält man sich als Christ gegenüber einem solchen Menschen? Theoretisch ist das ja alles ganz klar, aber erst in der Praxis wird das hochspannend.
Sprüche 4,23 ist für mich in diesem Zusammenhang ganz wichtig. “Mehr als alles, was man sonst bewahrt, behüte dein Herz! Denn in ihm entspringt die Quelle des Lebens.” Es geht um das innere Wesen des Menschen, seine Gefühle und Gedanken. Diese müssen arglos sein, ohne Arg, Bosheit. Und wer über seinen Chef lästert, wird niemals eine arglose Beziehung zu ihm haben können. Seine Zunge legte Zeugnis über sein Innerstes ab.
Das ist die Natur des Menschen
Ich hatte noch zwei weitere Erfahrungen, wo mir die Natur des Menschen besonders bewusst wurde. Einmal war das in der Uni-Bibliothek, als hinter mir eine Gruppe von Mädchen sich unterhielt und eines der Mädchen zur Selbstdarstellung über ihre sexuellen Erfahrungen und ihre Karrierevorstellungen sprach. Ich saß gemütlich auf der Lesecouch, die Gruppe auf einer anderen Couch in meinem Rücken. Ich konnte mir wunderbar Notizen zu ihrem Gespräch machen. Die Mädchen kannten sich offenbar nicht, sie stellten sich einander vor, waren anscheinend Erstsemester. Die Dynamik dieses Gesprächs verblüffte mich. Innerhalb von Minuten wurde die Rangordnung innerhalb der Gruppe festgelegt und dasjenige Mädchen, das so viel über die eigene Sexualität zu berichten wusste und so abfällig über ihre letzte Beziehung gesprochen hatte, hatte sich zweifellos als Alphamädchen positioniert.
Das ist das hässliche Gesicht des Weltsystems, heruntergebrochen auf eine kleine Begebenheit, für mich in dem
Moment aber ungewohnt niederschmetternd. Die andere Begebenheit, die mich sehr bedrückte, war in der S-Bahn, Freitagnachmittag. Die Berufstätigen fahren alle in das wohlverdiente Wochenende. Dazwischen ein betrunkener Mann, ebenfalls im Werkeltagskleide, aber schon mit Bierflasche in der Hand. Er lallt vor sich hin, redet über Kinder und Frau, fängt an zu weinen und beklagt schließlich seine Familie. Und die Menge drumherum, Alte und Junge gleichermaßen, belustigen sich, 20 Minuten lang. Sie hatten einen tierischen Spaß, und wussten am Wochenende sicher einiges darüber zu erzählen.
Mir ging das sehr nahe. Und als mir die Tränen kamen, wusste ich nicht so genau, ob ich wegen dem armen Mann weine oder wegen den vielen noch viel ärmeren Menschen um ihn herum.
Aber warum diese Gefühle? Ich denke, weil Gott zeigen möchte, wie er das alles sieht. Gott möchte, dass ich seine Perspektive einnehme, die Perspektive eines mitleidenden Gottes. Wir müssen das Seufzen dieser Menschheit hören und spüren, sonst werden wir niemals wirklich verstehen, warum diese Welt Erlösung braucht.
Fehler
Mein größter Fehler war, das Praktikum als eine Ausnahmesituation zu behandeln und darüber das Bibellesen zurückzufahren und das Beten zu vernachlässigen. Im Praktikum merkte ich das noch nicht so, aber in den letzten Wochen rächte sich das. Und das war keine schöne Erfahrung. Glaube aus der Erinnerung ist wie Glaube aus der abgelaufenen Konserve: schmeckt fürchterlich.
Vor einiger Zeit habe ich einen Christen kennengelernt, der Pfingstler ist. Er ist erst seit zwei Jahren Christ und ist sehr stark in der pfingstlerischen Lehre “drin”. Einerseits bewundere ich seine Art zu Glauben, gleichzeitig sehe ich darin auch Probleme. Ich wünsche ihm, dass er auch mal einen Blick nach links und nach rechts wagt, denn der Glaube, Gott müsse alles Schlechte beseitigen, irrt gewaltig und kann in schwere Glaubenskrisen führen, wenn das Leben mal nicht nach Plan verläuft, aus den Fugen gerät, wenn leiden angesagt ist. Wenn der determinierte Automatismus “Input (Glaube) –> Output (Alles erwünschte Gute) zu greifen aufhört. Er erzählte einmal von seinem Glauben und den Veränderungen in seinem Leben. Er zählte einige Dinge auf, nannte Dinge, an denen er “arbeitet”, fügte dann aber hinzu “…aber im Großen und Ganzen bin ich mit meinem Leben zufrieden”. Dieser Satz erstaunte mich, weil ich ihn so nie sagen könnte.
Ich war nie mit meinem geistlichen Leben zufrieden und werde es wohl niemals sein. Glaube ist für mich Kampf. Für ihn nicht. Das sagte er auch so. Wer kämpft, der glaubt noch nicht richtig, denn wer glaubt, dem werden alle Dinge zufallen. Das ist seine Sicht auf die Dinge.
Einige hochgeistliche Christen werden sagen: Aber du sollst ja gar nicht kämpfen, denn Jesus hat alles für dich errungen etc. Ja, Jesus hat meine Schuld getilgt und mein Glaube ist ein Geschenk. Aber gerade deswegen, weil Glaube ein Geschenk ist, ist es etwas, das nicht natürlich ist, es ist nicht intuitiv, auch wenn ich das selbst glauben möchte. Glaube ist Krieg. Und das Schlachtfeld des Glaubens ist mein Leben. Es geht um meinen Gehorsam. Um die Frage: Wem will ich dienen? Diese Frage muss ich jeden Tag neu beantworten. Ich ganz allein.
Das war mein übrigens mein Weihnachtslied 2011
This is war like you ain’t seen.
This winter’s long, it’s cold and mean.
With hangdog hearts we stood condemned,
But the tide turns now at Bethlehem.This is war and born tonight,
The Word as flesh, the Lord of Light,
The Son of God, the low-born king;
Who demons fear, of whom angels sing.This is war on sin and death;
The dark will take it’s final breath.
It shakes the earth, confounds all plans;
The mystery of God as man.