Komisch, immer wenn ich etwas Neues posten will, kommt mir der Gedanke: “Ach, dieses Blog ist ja schon längst tot.” Dabei beweist jeder neue Beitrag das Gegenteil: Es geht weiter. Wenn auch in einem gemächlicheren Tempo. Gern würd ich öfter zentrale Gedanken, die mich plagen, niederschreiben. Es fehlt aber die Zeit. Heute mal nur kurz ein Zitat aus dem Theoblog (dort aus einem Interview entnommen), den ich vor einigen Monaten für mich entdeckte und den ich seither sehr schätze:
Ich bewundere die Pietisten, die unter dem enormen Druck der modernen Theologie christus- und bibeltreu geblieben sind. Die Gefahr in solchen Situationen ist allerdings, dass wir die Vordertür zur falschen Lehre dichtmachen, aber nicht merken, was inzwischen durch die Hintertür einschleicht. Zum Beispiel glauben viele noch an die Autorität der Heiligen Schrift, wenige aber an derer Vollmacht und Kraft. So bleibt „das Schwert des Geistes“ allzu oft unbenutzt in seiner Schwertscheide.
Ein gewisser Hang zu einem menschenzentrierten Verständnis vom Evangelium scheint inzwischen auch manche Freikirchen erreicht zu haben. Jeder Arzt weiß es: Eine falsche Diagnose führt zu einer falschen Behandlung. Ähnlich ist es mit unserem Verständnis von Sünde und Kreuz. Die Sünde wird allzu oft als fehlerhaftes Verhalten verstanden oder als Versagen, mein volles Potential auszureizen. Tatsächlich ist Sünde aber Rebellion gegen Gott. Folglich verschreibt man die falsche Medizin: Therapie anstelle von Vergebung; Streicheleinheiten statt Sühnetod. Unser Herr Jesus wird oft mehr als ein „Kuschel-Jesus“ betrachtet, der nur da ist, um das zu tun, was unseren Selbstwert erhöht. Die Gnade ist selbstverständlich und billig geworden.
Zu viele Predigten sind fromme Gedanken, die an einem Vers aufgehangen werden. Es geht zu oft nicht darum, den ursprünglichen Sinn des biblischen Textes zu erfassen, um ihn dann für die Gemeinde zu aktivieren. Oft fehlt zudem eine fundierte biblische Theologie, die dafür sorgt, dass wir „das Wort der Wahrheit recht teilen“ (2Tim 2,15). Die langfristige Frucht davon sind Christen, die nicht biblisch denken und deren Weltanschauung nicht von der Schrift her geformt ist. So werden sie leicht „umhergetrieben von jedem Wind der Lehre“.
Der Aspekt der Rebellion spricht mich momentan sehr an. Am letzten Wochenende konnte ich mich im Rahmen einer Freizeit mit dem Thema “Gnade” beschäftigen.
Erstaunlicherweise verwendete der Referent fast die Hälfte der Zeit, bevor er endlich zum Aspekt der Gnade kam, darauf, die Schuldhaftigkeit des Menschen herauszustellen. Und sein Punkt war genau dieser: Sünde ist zuvorderst nicht falsche Handlung, sondern eine systemische, anthropologische Konstante. Sünde ist der Zustand der Rebellion und der Feindschaft gegen Gott.
Um Gnade zu empfangen und zu erfahren, muss ich zuerst Zerbruch erfahren. Ich muss zuvor erst erniedrigt und gescholten werden. Hier geht es nicht um das endgültige Gericht zum Tod, sondern um den Zerbruch des alten Menschen, damit durch das demütige Empfangen der Gnade Gottes Erlösung möglich wird, begründet und vermittelt durch Jesus Christus. In Erniedrigung und Demut werde ich fähig, mich von Gott beschenken zu lassen, Gnade zu empfangen. Ich darf Erlösung und Gnade empfangen, weil Gott meine Feindschaft zu ihm besiegt und überbrückt. Aber Gericht ist notwendig! Ohne Gericht ist Gnade und Frieden nicht möglich. Gott vollzog das Gericht an seinem eigenen Sohn, deswegen ist der “Fürst dieser Welt” auch bereits besiegt. (Johannes 16,11).
Ich weiß um meine Feindschaft, muss aber gestehen, in letzter Zeit sehr stark auf den Aspekt der Verfehlung fixiert gewesen zu sein. Ich erlebe momentan, wie die Verfehlungen, die mich früher stark belasteten, langsam verschwinden. Das ist eine sehr schöne Erfahrung. Es ist schön, sich einerseits bewusst zu sein, dass man “reift”, andererseits aber auch Gnade zu erleben, ohne die diese Entwicklung nicht möglich wäre.
Aber bei falschem Handeln hört es nicht auf. Es hört nicht beim Greifbaren auf, sondern es geht um mein Herz, meine Herzenshaltung und meine Einstellung zu Dingen und Menschen. Es geht auch sehr stark um Beziehungen. Zu meinen Eltern, zu meinen Kommilitonen, vor allem aber auch zu mir selbst.
Ich muss verstehen lernen, wie der Zusammenhang zwischen Schwäche und Sünde ist. Hinter Sünde als Verfehlung kann “bloßes” Unwissen stehen. Dann ist Sünde durch Gehorsam relativ leicht zu korrigieren. Hinter Sünde steht aber auch ein verdrehtes Gottesbild in zweierlei Hinsicht: Zum einen ein falsches Bild, wie der Gott des Himmels und der Erde ist und zweitens eine Vergötterung von Idolen (vor allem eine Vergötterung meiner selbst).
Und dann ist da das, was ich “Schwäche” nennen würde. Ich weiß weder wie ich mit dem Begriff noch wie ich mit dem Phänomen umgehen soll. Charakterliche Schwäche beispielsweise, charakterliche Eigenheiten, Merkwürdigkeiten. Gott will in meiner Schwachheit stark sein, sagt er (2. Korinther 12,9). Er verherrlicht sich durch Schwachheit. Gleichzeitig sagt Gott aber auch, dass er heilen will. Es gibt Schwachheit in meinem Leben, die ich wohl kaum mir selbst zur Last legen kann, die viel mit Sozialisation und kindlicher/pubertärer Entwicklung zu tun hat. Was kann ich und was soll ich in diesen Bereichen guten Gewissens erwarten?
Manchmal denke ich, dass ich Gott nicht richtig dienen kann, solange ich diese Schwachheit habe. Aber dann erkenne ich doch immer recht schnell, wie falsch dieser Gedanke ist. Aber was ist, wenn sich hinter dieser Schwachheit auch tief sitzendes, falsches Verständnis von Gott verbirgt? Dann muss Gott ja ein Interesse daran haben, dieses zu korrigieren.
Manchmal denke ich auch, dass ich nicht “fertig” bin, ich noch Prozesse abzuschließen und zu bewältigen habe, um fähig zu sein, so etwas wie eine Freundschaft/Partnerschaft/Ehe einzugehen. Wie kann ich guten Gewissens “Familie” gründen, wenn ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass ich all die Schwachheit, die mir von meinen Eltern übertragen wurde, auf meine Kinder und meine Ehe übertrage.
Gott will doch Heilung und Korrektur. Aber diese wird zu Lebzeiten wohl kaum ihr Ende finden. Ich muss also Partnerschaft wagen im Wissen darum, dass ich als unvollkommener mensch viel Dreck und viel Müll in diese reinbringen werde. Und ich trage in gewisser Weise dann die Verantwortung dafür. Das ist ein Gedanke, der mich bedrückt.
Ein weiterer Gedanke: Zorn, Wut. Was ist das? Und wann fängt es an? Ich verspüre oft Wut, wenn ich Nachrichten lese. Wenn ich über politische Gegner lese. Und dann gleiten meine Gedanken manchmal ab und werden sündig. Und wenn ich während einer Vorlesung mal wieder die Dozentin das Wort “Herdprämie” benutzen höre, dann erregt mich das innerlich sehr und ich würde der Frau gerne die Meinung geigen. Diese Regung bedrückt mich. Ich wünsche mir mehr Gelassenheit, ohne dabei jedoch gleichgültig zu werden.
Christ is the Head of this house;
the Unseen Guest of every meal;
the Silent Listener to every conversation.
(Wandspruch, gesehen im Film Dead Zone von 1983)
Sprichwörter und Zitate
Juli 24, 2011 22:03
незваный гость хуже татарина (Nezvannyj gost’ chuze Tatarina)
Kürzlich erinnerte ich mich an dieses Sprichwort meiner Mutter. Übersetzen lässt es sich mit “Ein ungebetener Gast ist schlimmer als ein Tatare”. Ich dachte zuerst, es handle sich hier um ein eher unbekanntes Sprichwort, da ich es bisher nur einmal hörte, man aber sonst sehr oft negativ über Tataren spricht. Dank Google bin ich nun etwas schlauer. Es ist ein sehr bekanntes russisches Sprichwort.
Der Ausdruck “ungebetene Gäste” gemahnt nämlich an eine ethnische Gruppe, die im Artikel selbst nie erwähnt wird, als Schreckgespenst aber über jeder Erörterung der Krimfrage schwebt: die Tataren. Seit der Mongolen-Invasion und dem sich anschließenden “Tataren-Joch” dienen die Tataren als Archetyp des fremdländischen Eindringlings und haben über die weitverbreitete Redewendung “Nezvannyj gost’ – chuze Tatarina” (Ein ungebetener Gast ist schlimmer als ein Tatare) in den Alltagssprachschatz Eingang gefunden. Die Krimtataren wurden während des Zweiten Weltkriegs nach Uzbekistan deportiert und erhielten erst 1988 das endgültig verbriefte Recht, in ihre Heimat zurückzukehren. Insofern sind die heftigen Reaktionen auf die Präsenz von NATO-Kriegsschiffen in unmittelbarer Nähe der Krim kaum verwunderlich: Demonstrierte die westliche Allianz ihre Stärke doch ausgerechnet vor der Küste einer Region, auf die sowohl Rußland als auch die Ukraine Anspruch erhoben, und wo ein vertriebenes Volk zuhause war, das kulturell stets mit Raub und Plünderung identifiziert wurde: mit der Schändung der “heiligen Rus’”, der Geburtsstätte beider Nationen.
Quelle: eurozine
Bei der Suche fand ich auf der Seite www.operone.de noch andere sehr interessante, teilweise lustige Sprichwörter über Tataren. Was dem Westeuropäer der Zigeuner, das ist dem Osteuropäer der Tatare, so scheint es.
Wenn der Tatar im Lande hauset, was tut das Weib? Es zecht und schmauset.
Rumänien
Jud’ und Tatar ist einerlei War’.
Litauen
Vor dreien möge uns Gott bewahren: vor Wölfen, Bojaren und Tataren.
Rumänien
Zu meiner Begeisterung fand ich auf operone.de auch schöne Zitate von Heinrich Heine, viele sind Fragmente aus seinen Gedichten. Hier eine Auswahl:
Ach! wenn ich nicht gar zu vernünftig wär’,
Ich täte mir was zuleide.
Buch der Lieder: Der arme Peter
Das ist schön bei uns Deutschen: Keiner ist so verrückt, dass er nicht einen noch Verrückteren fände, der ihn versteht.
Reisebilder (Harzreise)
Das Leben ist eine Krankheit, die ganze Welt ein Lazarett! – Und der Tod ist unser Arzt.
Reisebilder, Die Stadt Lucca
Das ausgesprochne Wort ist ohne Scham,
Das Schweigen ist der Liebe keusche Blüte.
Für die Mouche
Im Herzen stürmten die Gedanken,
Jedoch verschwiegen blieb der Mund.
In der Fremde, II
Der Engländer liebt die Freiheit wie sein rechtmäßiges Weib, er besitzt sie … Der Franzose liebt die Freiheit wie seine erwählte Braut. Er glüht für sie, er flammt. Der Deutsche liebt die Freiheit wie seine alte Großmutter.
Englische Fragmente
Die Natur, sagte mir einst Hegel, ist sehr wunderlich; dieselben Werkzeuge, die sie zu den erhabensten Zwecken gebraucht, benutzt sie auch zu den niedrigsten Verrichtungen, z. B. jenes Glied, welchem die höchste Mission, die Fortpflanzung der Menschheit anvertraut ist, dient auch zum…
Die Neger am Senegal versichern steif und fest, die Affen seien Menschen ganz wie wir, jedoch klüger, indem sie sich des Sprechens enthalten, um nicht als Menschen anerkannt und zum Arbeiten gezwungen zu werden.
Memoiren
Die Zeit übt einen mildernden Einfuß auf unsere Gesinnung durch beständige Beschäftigung mit dem Gegensatz.
Gedanken und Einfälle
Dieses Bekenntnis, dass die Zukunft den Kommunisten gehört, dieses Bekenntnis mache ich im Ton der Besorgnis und äußersten Furcht… die Nachtigallen, diese unnützen Sänger, werden vertrieben werden, und – ach! mein Buch der Lieder wird dem Gewürzkrämer dazu dienen, Tüten zu drehen, in die er den armen alten Frauen der Zukunft Kaffee und Tabak schütten wird… Und dennoch, ich bekenne es mit Freimut, übt eben dieser Kommunismus… auf meine Seele einen Reiz aus, dem ich mich nicht entziehen kann.
Vermächtnis
Jedes Weib ist mir eine geschenkte Welt, ich schwelge in den Melodien ihres Antlitzes, und mit einem einzigen Blick meines Auges kann ich mehr genießen als andre, mit ihren sämtlichen Gliedmaßen, Zeit ihres Lebens.
Ideen – Das Buch Le Grand
O, die Weiber! Wir müssen ihnen viel verzeihen, denn sie lieben viel und sogar viele. Ihr Hass ist eigentlich nur eine Liebe, welche umgesattelt hat.
Geständnisse
Ein großer Genius bildet sich durch einen anderen großen Genius, weniger durch Assimilierung als durch Reibung. Ein Diamant schleift den anderen.
Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland
Wer hält stand? (Bonhoeffer Teil 1)
April 1, 2011 1:35
Die große Maskerade des Bösen hat alle ethischen Begriffe durcheinander gewirbelt. Dass das Böse in der Gestalt des Lichts, der Wohltat, des geschichtlich Notwendigen, des sozial Gerechten erscheint, ist für den aus unserer tradierten ethischen Begriffswelt Kommenden schlechthin verwirrend. Für den Christen, der aus der Bibel lebt, ist es gerade die Bestätigung der abgründigen Bosheit des Bösen.
Offenkundig ist das Versagen der Vernünftigen, die in bester Absicht und naiver Verkennung der Wirklichkeit das aus den Fugen gegangene Gebälk mit etwas Vernunft wieder zusammenbiegen zu können meinen. In ihrem mangelnden Sehvermögen wollen sie allen Seiten Recht widerfahren lassen und werden so durch die aufeinanderprallenden Gewalten zerrieben, ohne das Geringste ausgerichtet zu haben. Enttäuscht über die Unvernünftigkeit der Welt, sehen sie sich zu Unfruchtbarkeit verurteilt, treten sie resigniert zur Seite oder verfallen haltlos dem Stärkeren.
Erschütternder ist das Scheitern alles ethischen Fanatismus. Mit der Reinheit eines Prinzips meint der Fanatiker der Macht des Bösen entgegentreten zu können. Aber wie der Stier stößt er auf das rote Tuch statt auf dessen Träger, ermüdet und unterliegt. Er verfängt sich im Unwesentlichen und geht dem Klügeren in die Falle.
Einsam erwehrt sich der Mann des Gewissens der Übermacht der Entscheidung fordernden Zwangslagen. Aber das Ausmaß der Konflikte, in denen er zu wählen hat – durch nichts beraten und getragen als durch sein eigenstes Gewissen -, zerreißt ihn. Die unzähligen ehrbaren und verführerischen Verkleidungen, in denen das Böse sich ihm nähert, machen sein Gewissen ängstlich und unsicher, bis er sich schließlich damit begnügt, statt eines guten ein salviertes Gewissen zu haben, bis er also sein eigenes Gewissen belügt, um nicht zu verzweifeln; denn daß ein böses Gewissen heilsamer und stärker sein kann als ein betrogenes, das vermag der Mann, dessen einziger Halt sein Gewissen ist, nie zu fassen.
Aus der verwirrenden Fülle der möglichen Entscheidungen scheint der sichere Weg der Pflicht herauszuführen. Hier wird das Befohlene als das Gewisseste ergriffen, die Verantwortung für den Befehl trägt der Befehlshaber, nicht der Ausführende. In der Beschränkung auf das Pflichtgemäße aber kommt es niemals zu dem Wagnis der auf eigenste Verantwortung hin geschehenden Tat, die allein das Böse im Zentrum zu treffen und zu überwinden vermag. Der Mann der Pflicht wird schließlich auch noch dem Teufel gegenüber seine Pflicht erfüllen müssen.
Wer es aber unternimmt, in eigenster Freiheit in der Welt seinen Mann zu stehen, wer die notwendige Tat höher schätzt als die Unbeflecktheit des eigenen Gewissens und Rufes, wer dem fruchtbaren Radikalismus eine unfruchtbare Weisheit des Mittelmaßes zu opfern bereit ist, der hüte sich davor, daß ihn nicht seine Freiheit zu Fall bringe. Er wird in das Schlimme willigen, um das Schlimmere zu verhüten, und er wird dabei nicht mehr zu erkennen vermögen, daß gerade das Schlimmere, das er vermeiden will, das Bessere sein könnte. Hier liegt der Urstoff von Tragödien.
Auf der Flucht vor der öffentlichen Auseinandersetzung erreicht dieser oder jener die Freistatt einer privaten Tugenhaftigkeit. Aber er muß seine Augen und seinen Mund verschließen vor dem Unrecht um ihn herum. Nur auf Kosten eines Selbstbetruges kann er sich von der Befleckung durch verantwortliches Handeln reinerhalten. Bei allem, was er tut, wird ihn das, was er unterlässt, nicht zur Ruhe kommen lassen. Er wird entweder an dieser Unruhe zugrunde gehen oder zum heuchlerischsten aller Pharisäer werden.
Wer hält stand? Allein der, dem nicht seine Vernunft, sein Prinzip, sein Gewissen, seine Freiheit, seine Tugend der letzte Maßstab ist, sondern der dies alles zu opfern bereit ist, wenn er im Glauben und in alleiniger Bindung an Gott zu gehorsamer und verantwortlicher Tat gerufen ist, der Verantwortliche, dessen Leben nichts sein will als eine Antwort auf Gottes Fragen und Ruf.
Wo sind diese Verantwortlichen?
- Dietrich Bonhoeffer
Originalität und Authentizität
Februar 23, 2011 19:39
Originality is the fine art of remembering what you hear but forgetting where you heard it.
- Laurence J. Peters
Diese Guttenberg-Geschichte reißt nicht ab. Gut so! So viel Lesevergnügen hatte ich schon lange nicht mehr. Und ich kann auch ganz persönliche Dinge daraus ziehen. Mich selbst überprüfen, etwas tiefer in mich schauen und mich fragen, wie ich dazu stehe und wo ich selbst fehle.
Ich habe nie in meinem Leben vom Nachbarn abgeschrieben. Nie einen Spicker benutzt. Zuerst gab es auch keinen Grund dazu, meine Noten waren ganz in Ordnung. Später, als es den einen oder anderen Grund gab, hinderte mich die Angst vor dem Auffliegen. Furchtbare Angst! Auch heute graut mir vor dem Gedanken, dieses Gefühl der Schande muss schrecklich sein. Später war es dann ein Mix aus Angst und innerer Überzeugung. Spicken? Pfff! Ist doch was für Verzweifelte! Und wenn ich die Arbeit auch verhaue, ich gehe lieber erhobenen Hauptes unter, als so unwürdig zu handeln. So ähnlich dachte ich.
Nun sitze ich an meiner ersten Hausarbeit. Die letzten beiden Sitzung des Seminars für “politikwissenschaftliches Arbeiten”, in denen es unter anderem um korrektes Zitieren ging, habe ich nicht besucht. Was für eine Ironie, dass gerade das korrekte Zitieren derzeit Wellen bis in die höchste Politik schlägt. Zum Glück gibt´s so ein nettes Kompendium, da ist das auch schriftlich erklärt.
Hier geht es aber nun nicht mehr, wie früher in der Schule, um Bestehen oder Nicht-Bestehen. Ich kann die Hausarbeit ganz korrekt schreiben, und ich werde das auch sicher tun. Aber andererseits habe ich ja soo wenig Lust! Mit ein paar netten nicht kenntlich gemachten Zitaten, die das Normalmaß, das der Prüfer durchgehen lassen würde, weit überschreiten, geht es viel schneller. Schwupps! Und schon gebiert der Gedanke, angetrieben von der eigenen Faulheit, die Tat.
Ich muss zugegeben: Ich schwanke nach wie vor zwischen heimlicher Bewunderung und der Einsicht, dass das Verhalten Guttenbergs moralisch eine Bankrotterklärung ist. Die Kühnheit finde ich stark, diese Vorwärtsverteidigung im Angesicht der lauerndnen zähnefletschenden Rotten. Einsicht wäre natürlich moralischer. Aber so einer wie er, der nichts zu verlieren hat, kann es sich leisten, auch die halbe Nation gegen sich zu haben. Auch wenn die Politik ihn abserviert, er wird niemals am Hungertuch nagen müssen.
Abgesehen von dieser tollkühnen Selbstverteidigung, handeln wir alle eigentlich ganz ähnlich. Es fängt beim Selbstmarketing an. Jeder muss sich heutzutage auf dem Arbeitsmarkt verkaufen. Das ist okay, wir haben uns damit abgefunden. Was ist mit Beschönigung? Nun, Schönfärberei ist im Grunde nichts anderes als eine etwas andere Meinung zu haben. Also auch in Ordnung. Bluffen? Bluffen zu können ist irgendwie ne coole Eigenschaft, nicht? Machen wir ständig beim Pokern. Lügen? Mhh, ne, Lügen ist definitiv schlecht. Aber es passt auch irgendwie nicht in diese Reihe. Lügen ist Betrügen. Das tut man nicht. Während die anderen genannten Sachen im Grunde ganz “normal” sind. Man ist geneigt, die Lüge aus dieser Reihe herauszunehmen. Dabei sind eigentlich alle vier Sachen Lügen. Selbstmarketing baut darauf auf, nur die guten Dinge einer Person darzustellen zu und sie über Gebühr zu betonen, während man die nicht so schönen Dinge in den Hintergrund drängt, sie unpräzise ausdrückt, wenn es geht natürlich ganz weglässt.
Wer Böses tut, der hasst das Licht und kommt nicht zu dem Licht, damit seine Werke nicht aufgedeckt werden. – Johannes 3,20
Die Stelle ist natürlich etwas aus dem Zusammenhang gerissen, aber sie passt dennoch ganz gut. Wenn man etwas “ins rechte Licht” rückt, dann beschönigt man es. Man rückt es in sein eigenes Licht. Wenn man Dinge aber in Gottes Licht rückt, dann wird da nichts beschönigt. Dann wird schonungslos aufgedeckt.
Ein mir sehr nahe stehender Mensch ist auch so einer wie KT. Ein begnadeter Selbstvermarkter. Und leider viel mehr: ein Blender und Lügner, der auch vor Urkundenfälschung nicht zurückschreckt, um den Lebenslauf zu tunen. Aber wen wundert das?
Im ZEIT-Studienführer 2010/2011 steht in der Rubrik “Wie studieren?” unter der Überschrift “An der Universität bluffen alle” ein kurzes Interview mit einem Professor. Er warnt zwar vorm Plagiieren (worunter er das Kopieren kompletter Hausarbeiten versteht) und Hochstapeln, das “So-tun-als-ob” empfiehlt er aber ausdrücklich. Man muss halt “den Mechanismus verstehen”. Und wenn dann Leute wie Guttenberg den Mechanismus voll ausreizen, ist die Empörung groß. Das soll mal einer verstehen.
Nur zwei Dinge
Februar 10, 2011 22:49
Gestern habe ich, entgegen der Gewohnheit Musik zu hören, beim Bügeln mal ein Hörbuch mit Gedichten von Gottfried Benn gehört. Das ist gar nicht mal so einfach, wenn man die Gedichte nicht kennt! Einerseits ist es sehr schön, den Autor sein eigenes Werk vortragen zu hören. Man bekommt ein ganz besonderes Gefühl für die Stimmung des Gedichts. Der Nachteil ist, dass es einfach viel zu schnell ist, man kann durch einmaliges Hören nicht immer sofort alle Inhalte aufnehmen und Zeit zum Nachdenken bleibt sowieso nicht. Und ständiges Zurückspulen ist auch nervig. War also insgesamt nicht so toll. Die Gedichte waren teilweise sehr interessant und einige schön, aber Gedichte eignen sich wohl nicht besonders für Hörbücher.
Ein Gedicht hat mich aber dennoch in besonderer Weise angesprochen. Passt ganz gut zu meinen Gedanken.
Nur zwei Dinge
Durch so viel Form geschritten,
durch Ich und Wir und Du,
doch alles blieb erlitten
durch die ewige Frage: wozu?
Das ist eine Kinderfrage.
Dir wurde erst spät bewußt,
es gibt nur eines: ertrage
- ob Sinn, ob Sucht, ob Sage -
dein fernbestimmtes: Du mußt.
Ob Rosen, ob Schnee, ob Meere,
was alles erblühte, verblich,
es gibt nur zwei Dinge: die Leere
und das gezeichnete Ich.
- Gottfried Benn
Helden
Februar 5, 2011 21:06
An die Jungen
Laß dich nicht kirren, laß dich nicht wirren
Durch goldne Äpfel in deinem Lauf!
Die Schwerter klirren, die Pfeile schwirren,
Doch halten sie nicht den Helden auf.
Ein kühnes Beginnen ist halbes Gewinnen,
Ein Alexander erbeutet die Welt!
Kein langes Besinnen! Die Königinnen
Erwarten schon knieend den Sieger im Zelt.
Wir wagen, wir werben! besteigen als Erben
Des alten Darius Bett und Thron.
O süßes Verderben! o blühendes Sterben!
Berauschter Triumphtod zu Babylon!
- Heinrich Heine, aus Romanzero, 1851
Die ersten beiden Verse sind eine Anspielung auf Atalante, die sich bei einem Wettlauf durch drei goldene Äpfel auf dem Weg um den sicheren Sieg bringen lässt.
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Februar 5, 2011 3:08
Vieles spricht dafür, dass die „2011er“ für die arabischen Länder das werden, was die 68er für Europa und Amerika waren. Sie veränderten die Gesellschaft und die politische Kultur grundlegend, auch wenn sie sich nicht überall unmittelbar durchsetzten.
- Volker Perthes, SWP-Leiter, in der heutigen Ausgabe des Handelsblattes
Ich bezweifle sehr, dass die “2011er” einen so durchschlagenden Erfolg haben werden. Und mit der menschenfeindlichen Ideologie der 68er werden sie sowie nicht mithalten können. Obwohl, der Islam hat da schon einiges zu bieten in der Hinsicht…
Seit gestern erhalte ich übrigens das Handelsblatt. Völlig kostenlos! Sofern man Student ist, kann man auf deren Seite ein Formular ausfüllen, einen Studiennachweis zuschicken und mit ein bisschen Glück kriegt man ein Abo gesponsert. Ich habe das im Oktober gemacht, habe vor einigen Tagen einen Brief erhalten und seit gestern die Zeitung. Schon geil! Leider weiß man nicht, über welchen Zeitraum das läuft. Im Brief stand eine Abo-Nummer. Vielleicht sollte ich einfach mal ganz dreist die Service-Hotline anrufen und fragen. Hinter den anonymen Sponsoren stecken Unternehmen, die es interessierten Studenten ermöglichen wollen, über die wirtschaftlichen Entwicklungen auf dem Laufenden zu bleiben. Coole Sache.
another slowly dying blog
September 18, 2010 23:19
Dieser Blogeintrag ist wohl der letzte für die nächsten paar Monate. Dieses Blog entstand ja ursprünglich aus einer Situation des tiefsten Kummers. Wenn der Liebeskummer einen übermannt, und man als Kerl niemanden hat, bei dem man seinen Schmerz abladen kann, dann ist so ein Blog eine gute Möglichkeit, sich zu entlasten. Nachdem mein Herzschmerz weg war und es keine weiteren erwähnenswerten Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gab, schrieb ich hier viele andere völlig themenfremde Dinge. Das hat nun ein Ende.
Mit dem Eintritt ins Studium beginnt jetzt eine ernsthaftere Lebensphase. Gleichzeitig aber auch die Lebensphase, in der ich mich interessanten Dingen in einer Intensität werde widmen können, wie das später wohl nie wieder möglich sein wird.
Inspiriert von Norbert Bolz´ Buch „Die ungeliebte Freiheit“ habe ich ein anderes Projekt, ein Lebensprojekt vor Augen. Mancher würde die Gedanken, die ich hier im Nachfolgenden niederschreibe, als typisch für das Ende der Adoleszenzphase charakterisieren. Sicher, das Projekt „Leben“ fasst jeder heranwachsende Mensch einmal. Jeder macht sich Gedanken darüber. Trotzdem denke ich, dass es hier bei mir um mehr geht. Man könnte das Projekt in einem religiös-philosophischen Sinne „Menschwerdung“ nennen. Für die meisten Menschen hingegen ist ihr Projekt aber eher das „Projekt Glück“, „Projekt Selbstverwirklichung“ oder „Projekt Freiheit“. Es geht ihnen um Lebensoptimierung und nicht so sehr um die Vervollkommnung des Menschseins, weil sie Menschsein und Personsein ausschließlich biologisch definieren und demnach schon immer Mensch waren.
Der zentrale Aspekt des Veränderungsprozesses, den ich anstoßen möchte, ist die Transformation von bloßem „Leben“ hin zu einer „Lebensführung“. Es geht also auch bei mir zumindest terminologisch hauptsächlich um mein Leben und nicht um mich als Menschen. Der Bezugspunkt meines Veränderungsprozesses bin aber immer ich als Mensch und nicht ein Wert wie Glück oder Freiheit.
Freiheit ist nicht das Ziel, welches direkt angesteuert wird, sondern begrifflich einfach nur die wohl beste Umschreibung des Zustands, der am Ende steht. Deswegen komme ich im Folgenden nicht um diesen Begriff herum.
Norbert Bolz verwendet die Begriffe Leben und Lebensführung in seinem oben erwähnten Buch. Bolz schreibt zwar nichts grundlegend Neues, er fasst nur Gedanken von Luther, Freud, Kant und anderen zusammen und interpretiert sie ein wenig. Aber seine Formulierungen sind griffig und prägnant und bringen genau das zum Ausdruck, was ich schon lange Zeit gefühlt habe.
Bolz beschreibt die echte Freiheit als die Freiheit der Notwendigkeit. Die Freiheit des „Lebens“ ist die Wahlfreiheit (Möglichkeiten, Alternativen etc.). Diese Form der Freiheit ist laut Bolz aber eben das genaue Gegenteil von Freiheit, es ist die wohl am besten getarnte Form der Unfreiheit. Wenn man diese Unfreiheit, die uns allerorten als echte Freiheit verkauft wird, überwindet, gelangt man zur echten Freiheit des „Ich kann nicht anders“ als Ergebnis einer Selbstreflexion über den persönlichen Willen.
In diesem Prozess der Selbstreflexion bewertet man die Impulse/Triebe, die der Wille (1. Ordnung) sind und ordnet sie hierarchisch, man selektiert sie und kommt schließlich zum Willen 2. Ordnung. Diese Selbstreflexion führt den Menschen zu einer bewussten Lebensführung.
Der Wille 2. Ordnung mündet schließlich in einer Hingabe an die Notwendigkeit. Diese Hingabe ist der Sieg des reflektierten Willens.
Der Unterschied zu einem Leben, das auf Selbstverwirklichung aus ist, wird in der Zielsetzung deutlich: Der Wille zweiter Ordnung ist auf die „Kultivierung eines besseren Selbst“ ausgerichtet. Freiheit durch Erkennen und Hingabe an die Notwendigkeit. Autonomie und freier Wille entstehen durch das Brechen von Willkür und Eigenwille (erster Wille).
Freiheit überwindet Angst. Bolz macht es an den Begriffen Gefahr und Risiko deutlich, wenn er schreibt: „Die Unfreien sind Gefahren ausgesetzt, die Freien gehen Risiken ein.“ Freiheit führt zu diesem Perspektivwechsel, der dem Menschen eine positive Kühnheit und einen gesunden Optimismus gibt.
Gleichzeitig individualisiert Freiheit auch. Sie trennt Menschen voneinander. Wer aus einer Notwendigkeit heraus handelt, die sich aus persönlichen Normen und Werten ergibt, trotzt in den meisten Fällen dem Zwang und den Regeln der Gruppe. Der freie Mensch entzieht sich somit dem Kollektiv, er wird zu etwas Besonderem.
Daher sind Privatheit und Einsamkeitsfähigkeit besonders wichtig für die Entwicklung der Freiheit. Den Hang zur Einsamkeit verspüre ich schon seit Jahren. Mir wurde bloß nie der Zusammenhang klar, dass der Hang zur Einsamkeit das Resultat des inneren Drangs nach Freiheit und Unabhängigkeit ist.
Ich hoffe sehr, dass es mir gelingen wird, die Privatheit und Einsamkeit der Studienjahre erfolgreich in eine Einsamkeitsfähigkeit im Sinne einer geistigen Unabhängigkeit zu überführen. Der Drang nach Freiheit wird zwangsläufig und ohne mein besonderes Zutun zum Unverständnis anderer Menschen führen und mich in gewissem Maße isolieren. Einsamkeitsfähigkeit wird auch das Vermögen sein, diesen Gegenwind zu ertragen und mich darin zu üben, alleine zu stehen.
Natürlich kann man nicht allen Gruppenstrukturen entfliehen, das ist praktisch gar nicht möglich. Und das sollte man auch nicht. Man kann schließlich auch in der Gruppe seine Freiheit bewahren. Bolz: „Es ist also kein Problem, in einer Gruppe zu sein […], aber alle Freiheit ist verloren, sobald man zu einer Gruppe gehört.“ Denn die Gruppe drängt immer auf Anpassung.
Es wartet eine spannende und lehrreiche Zeit mit vielen neuen Menschen auf mich. Neue Herausforderungen, die es zu meistern und ein neues Leben, das es zu führen gilt. Aber all diese Dinge sollen nicht das Thema dieses Blogs sein.
Der nächste Eintrag in diesem Blog wird wieder eine „Mädchengeschichte“ sein. In zwei, sechs oder auch zwölf Monaten. Vielleicht auch überhaupt nicht mehr. Dieses Blog soll Gradmesser meines Erfolgs sein. Ich bin optimistisch. Der freie Mensch hat keine Angst. Angst ist etwas für Herdenmenschen. Der freie Mensch kennt höchstens Risiken. Und er schätzt sie gering.
Ein letztes Mal Bolz: „Der freie Mann macht sich einen Namen; die anderen sind Gegenstand der Sozialwissenschaften.“
Die dümmsten Zitate der Woche
August 8, 2010 14:29
Pfarrer im heutigen Gottesdienst im Fürbittengebet:
Bewahre uns vor Egoismus und…(kurze Pause)…Nationalismus.
Nationalismus, dieses Teufelswerk, was denn sonst? Ist ja auch sehr naheliegend, wird ja quasi synonym zu Egoismus verwendet. Nächstenliebe, das weiß jedes Kind, ist (sozialistischer?) Internationalismus. BOING!
Zeitungsumfrage unter Azubis. Die Antwort eines Ausbzubildenen und Studenten (Duales Studium Mechatronik und E-Technik) auf die Frage, welche Erwartungen er an seine Ausbildung hat, ist besonder aufschlussreich:
Vorbereitung. Für mich ist das Ziel meiner Ausbildung, Sicherheit im späteren Berufsleben zu erlangen. Durch einen gesicherten Arbeitsplatz und finanziell gesehen, für eine mögliche Familienplanung. Ich erwarte daher, dass ich während meiner Ausbildung gut auf dieses Leben vorbereitet werde.”
Sicherheit erwarten wir. Sehr bescheiden sind wir geworden.